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Stefan Tilch – Gedanken zum Oberpfälzer Jedermann

Der Oberpfälzer Jedermann

Seit Jahrhunderten fasziniert der Jedermann-Stoff vom „Sterben des reichen Mannes“ die Menschen. Jüngere Zuschauer gruseln sich über die Allegorie des Todes, und ab einem bestimmten Alter gibt es niemanden mehr, der sich nicht gelegentlich nach Wert- oder Unwert des eigenen Lebens befragt oder sich damit auseinandersetzt, dass nichts und niemand ihn auf dem letzten Weg begleiten wird.


Gleichwohl habe ich manchmal den Verdacht, dass der große Erfolg des Werkes auch ein wenig mit einer persönlichen positiven Bilanz des Zuschauers zusammenhängen könnte. Im Sinne von: „Na, also, sooo schlimm wie der bin ich wirklich nicht!“ Mit Grausen sieht man seinem Sterben zu, innerlich aber bestätigt und bestärkt, weil man niemals so grausam war wie er, weil man niemals so geizig war wie er, weil man die eigenen sexuellen Bedürfnisse niemals so ausgelebt hat wie er und weil die eigenen „guten Werke“ unzweifelhaft wesentlich besser beieinander sind als die Jedermanns.


Als erster Leitgedanke für die Tirschenreuther Inszenierung von 2017 dient mir die feste Überzeugung, dass Jedermann tatsächlich jedermann ist. Natürlich ist er theatral überspitzt, aber im Kern unterscheidet er sich nicht wesentlich von uns allen. Zwei Szenen, der arme Nachbar und der Schuldknecht, behandeln ausführlich das Thema Reichtum und Kapital, Jedermann erklärt die Mechanismen von Wirtschaft und Geldfluss und argumentiert ungefähr wie der Internationale Währungsfonds. Nein, wir weisen Bedürftige, die uns ins Gesicht blicken nicht offen ab, aber in der Regel tun sie das auch nicht. Sie sitzen außerhalb gut bewachter Mauern, wir sehen sie nur in der Tagesschau, schütteln betroffen den Kopf und spenden vor Weihnachten 50 Euro. Das Missverhältnis, nachdem wir in schier unfassbarem Überfluss uns eingesperrt haben (und dennoch den ganzen Tag jammern) während Milliarden Menschen auf dieser Welt täglich Hunger leiden und keinen Zugang zu Trinkwasser haben, teilen wir mit Jedermann. Was Jedermanns sexuelle Zügellosigkeit angeht, so mag es sein, dass kaum jemand sie so offen auslebt wie er. Das heißt aber nicht unbedingt, dass sie nicht in uns wäre: vielmehr bildet sie einen Teil von uns, den wir verdrängen, verleugnen und nicht wahrhaben wollen, was zu Verhärtung und Krankheit führen kann, uns aber nicht unbedingt zu besseren Menschen macht. Jedermann ist Jedermann.


Jedermann ist plötzlich gezwungen, die viele Geschäftigkeit, mit der er sich wie wir täglich von sich selbst ablenkt, aufzugeben, innezuhalten und tief in sich selbst und in die Bilanz seines Lebens zu blicken. Im mittelalterlichen Mysterienspiel begegnet er Allegorien, also Personifizierungen von Dingen, die tief in ihm selbst anzutreffen sind. Von den guten Werken zum Glauben zum Teufel zum Mammon zur Buhlschaft: Jedermann trifft Aspekte seines eigenen Selbst, muss sie jetzt sehen und verarbeiten.
In diesem Zusammenhang stelle ich mir die Frage, ob sein Sterben tatsächlich als physischer Tod gelesen werden muss. Vielleicht geht es ja durch die Begegnung mit dem eigenen Selbst um einen innerlichen Tod, um das Sterben des Egos noch zu Lebzeiten, vielleicht geht es ja im christlichen Sinn um die Metanoia, die innere Umkehr? Letztlich spielt diese Frage keine besondere Rolle, denn so oder so führt seine Auseinandersetzung mit allen Seiten seines Selbst zur Erweckung des Glaubens, zur Bewusstmachung seiner göttlichen Natur – und diese, so sagt man, unterscheidet nicht zwischen dies- und jenseitigen Lebensformen…


Während die Hofmannsthalsche Transkription des Textes mich immer ein wenig zum Schmunzeln bringt mit ihrer pseudo-mittelalterlichen Kunstsprache auf „itzt“ und „nit“, bin ich absolut fasziniert von der Textfassung von Johannes Reitmeier unter der vokalgewaltigen Oberpfälzer Bearbeitung von Manfred Grüßner und Marianne Stangl. Was bei Hofmannsthal gelegentlich künstlich klingt, wird im Mund der Tirschenreuther Spieler absolut authentisch, Spieler und Text bilden einen völlig natürliche Einheit, bei der nichts herbeigeholt klingt, sondern jede Zeile mit absoluter Direktheit und voll Bedeutung gesprochen werden kann.


Stefan Tilch

 

Die Vorstellungstermine:

  • Samstag, 21.10., 19.30 Uhr Premiere
  • Sonntag, 22.10., 16.00 Uhr
  • Freitag, 27.10., 19.30 Uhr
  • Samstag, 28.10., 19.30 Uhr
  • Sonntag, 29.10., 16.00 Uhr
  • Freitag, 03.11., 19.30 Uhr
  • Samstag, 04.11., 19.30 Uhr und
  • Sonntag, 05.11., 16.00 Uhr